Sollen wir unsere Kultur schützen?
Wie auch beim letzten Wahlkampf werden von Politikern primär der rechten Reichshälfte ganz gern Ängste bezüglich des Verlustes unserer Kultur aufgrund der Zuwanderung geschürt. Von Islamisierung und Entfremdung ist da die Rede. Wir müssen unsere Kultur schützen, indem wir die Grenzen dicht machen. Klingt ja auch nicht ganz unvernünftig. Man muss nicht als konservativ qualifiziert werden, wenn man Gewohntes und Liebgewonnenes schützen will.
Aber von welcher Kultur ist da die Rede?
Ich hab mich hingesetzt und versucht meine Kultur zu beschreiben. Zuerst stand bzw. saß ich vor dem Problem, dass mir die Definition des Wortes Kultur gar nicht geläufig ist. Laut Duden ist Kultur die “Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes”. Also eh alles, was ein Volk, eine Gemeinschaft ausmacht.
Was ist dann unsere Kultur? Kann ich sie überhaupt beschützen? Steckt nicht bereits in der Definition des Wortes schon die ständige Änderung und Entwicklung drinnen?
In Deutschland wurden vor kurzem Mitglieder der geistigen bzw. wirtschaftlichen Elite nach der Deutschen (“Deutschländischen”) Kultur befragt. Schnell waren da Begriffe wie Fleiß, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Genauigkeit gefunden. Die Frage, ob sich der/die jeweils Befragte in den selbst genannten Begriffen wiederfand, verneinten die meisten.
Gut, also begann ich mit der Suche nach meiner Kultur, bin dabei zwangsläufig auf meine Kindheit und Jugend gestoßen und werde hier in aller Kürze und vor allem wertfrei aber einseitig und verallgemeinernd ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufzählen, wie wir noch vor weniger als 25 bis 35 Jahren hier in Wien, bzw. genauer im Westen Wiens gelebt haben, was also unsere Kultur war.
Mein Vater war Handwerker und stolz darauf einen Posten bei der Gemeinde Wien bekommen zu haben. Er war zwar schlecht bezahlt, brachte aber eine Dienstwohnung und Jobsicherheit mit sich. Überhaupt war ein Posten im öffentlichen Dienst, bei Post und Bahn oder der staatlichen Industrie sehr gefragt und die Bediensteten besser angesehen. Auch wurde man von seinem Dienstgeber noch nicht als faul beschimpft. Meine Mutter war zuhause und hat sich um uns Kinder und den Haushalt gekümmert, was absolut normal war. Ein Mann wurde dafür bezahlt oder betrat die Küche einfach nicht. Meine Mutter betätigte sich später auch als Heimarbeiterin. Wir konnten uns ein mittelgroßes Auto und jedes Jahr einen mehr als einwöchigen Aufenthalt in Jugoslawien am Meer leisten. Damit hatten wir so manchen unserer Schulkollegen schon einiges voraus. Beinahe jedes Wochenende verbrachten wir bei meinen Großeltern väterlicherseits, wo meine Eltern Karten spielten. Einmal im Monat besuchten wir die Großeltern mütterlicherseits. Meine Eltern ließen sich später scheiden. Zu dieser Zeit erzählte man das noch nicht herum, man kannte auch noch nicht so viele Geschiedene. Für die Ehepartner stellte eine Scheidung eine klare Niederlage dar und wir Kinder wussten sowieso nicht so recht, wie wir damit umgehen sollten. Ich hab das erst Wochen später meinem besten Schulfreund im Zuge eines Kinobesuchs erzählt.
Damals gab es in jedem Wiener Bezirk ein oder mehrere kleine Kinos. Dementsprechend musste man manchmal quer durch die Stadt anreisen, wenn man einen bestimmten Film sehen wollte. Kinocenter gabs keine, Getränkehalter an den Klappsitzen aus Holz auch nicht. Reihen mit mehr Beinfreiheit waren teurer. Die Kinosäle hatten nur in sehr großen Kinos einen ansteigenden Boden. Die vergleichsweise winzige Leinwand mit einem Seitenverhältnis von 2:3 hing hoch oben, damit auch die Besucher in den hinteren Reihen der flachen Kinos etwas sehen konnten. Saßen weniger als fünf Leute im Saal, konnte es passieren, dass die Vorstellung abgesagt wurde. Wir hatten zwei Fernsehsender, von denen nur der erste den ganzen Tag ein Programm lieferte. In der Nacht gab es gar kein Fernsehprogramm. Auf FS-2 wurde das Programm von Mittag bis 17 Uhr unterbrochen. Dann begann dort das Kinderprogramm, das um 18:30 Uhr wieder endete. Damit ergab sich für meine Schwester und mich die logische Tagesgliederung: bis Mittag in der Schule, danach zuhause Mittagessen und ab ins Freie, damit wir rechtzeitig zum Kinderprogramm vor dem Fernsehgerät Platz nehmen konnten.
Political correctness gab es nicht. Behinderte wurden als solche bezeichnet. Geistig oder seelisch Kranke galten als gestört und wurden auch so genannt. Frauen wurden nach heutigen Begriffen in der Arbeit fast permanent sexuell belästigt. Texte wurden grundsätzlich nicht geschlechtsneutral geschrieben. Schwarze Menschen wurden als Neger bezeichnet. Beim Begriff Tschuschen, wie die südländischen Gastarbeiter oft genannt wurden, wussten wir immerhin schon, dass das auch als Beschimpfung ausgelegt werden konnte. Anstatt ihnen Deutsch beizubringen sprachen viele mit ihnen im Akzent dieser Ausländer. Moslemische Kinder wurden als Mohammedaner bezeichnet und fielen nur auf, wenn sie weiblich waren, weil sie dann Kopftücher und Kleider tragen mussten. Allerdings hat auch meine Großmutter das Haus niemals ohne Kopfbedeckung (zumeist ein Kopftuch) verlassen und wäre schon gar nicht barhäuptig in die Kirche gegangen. Wir wussten nicht viel über fremde Glaubensrichtungen. Es war auch nicht wichtig. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, die auch an normalen Sonntagen gut gefüllt war. Zu Weihnachten und Ostern musste man schon lange vor der Messe in der Kirche sein, wenn man noch einen Platz bekommen wollte. Auch der Unterricht in der Schule begann mit einem Morgengebet. Samstags ab Mittag und am Sonntag waren alle Geschäfte geschlossen. Als an einem Sonntag im Dezember 1975 die OPEC-Terroristen Schnüre und Scheren verlangten, war es selbst für unsere Behörden schwierig genanntes aufzutreiben, weil ja kein Geschäft geöffnet hatte.
Diese Terroristen reisten übrigens mit der Straßenbahn an. Die war innerhalb der Stadt auch für uns das Verkehrsmittel der Wahl. Sie fuhr langsam, war dafür recht laut und sie zu erklettern war für Ältere, Behinderte oder Mütter mit Kinderwagen (Väter mit Kinderwagen gab es nicht) nicht ganz einfach. Behindertenfreundlichkeit oder gar Barrierefreiheit kannte man noch nicht. Wer einem älteren seinen Platz nicht von sich aus anbot, wurde geschimpft. Es gab in Wien kaum Ampeln oder geregelte Kreuzungen. Das erforderte mehr Disziplin im Straßenverkehr, die aber im allgemeinen auch vorhanden war. Dort wo es Ampeln gab, blieb man bei rot in jedem Fall stehen. Gehupt wurde wenn überhaupt nur ganz kurz um zu grüßen oder jemanden auf etwas hinzuweisen. Um andere Verkehrsteilnehmer zu beschimpfen verwendete man die eigene Stimme. Geblinkt wurde lang vor der Kreuzung. Vor unserer Schule gab es eine Politesse. Die trug eine Polizeiuniform, war aber nur dafür zuständig die Autos aufzuhalten, wenn ein Kind die Straße überqueren wollte. Die Verbrecherjagd war wie die Armee eine rein männliche Angelegenheit. Ein Bewusstsein, dass Autoabgase schädlich sind, gab es nicht. Überhaupt war sowas wie Umweltbewusstsein kaum vorhanden. Rauchende Schlote, Autobahnen und die Umstellung von Straßenbahn auf Autobus waren ein Zeichen des Fortschritts. Fliegen war allerdings unerschwinglich. Man legte größere Entfernungen mit dem Auto oder dem Zug zurück. Ab 16 schnallten sich im Sommer die meisten von uns einen monströsen Rucksack um und verschwanden für vier Wochen mit der Bahn ins Ausland. Wenn die Eltern Glück hatten, bekamen sie nach Rückkehr der Kinder irgendwann eine Ansichtskarte. Eine Karte brauchte von Griechenland nach Wien über sechs Wochen.
Wir sprachen Österreichisch. Demnach hatten Zahlwörter kein oder das männliche Geschlecht. Wir trugen Leiberl und die Jeans gab es als Einzahlwort ohne s. Fugen- und Mehrzahl-S waren allgemein nicht sehr beliebt, weil sie stark an die Sprache unserer Lieblingsnachbarn (die Piefke ohne s) erinnerten. Unsere Kinder waren Buben und Mädchen. Es gab keine Location. Künstler traten am jeweiligen Veranstaltungsort auf und performten nicht. Im Gesicht hatten wir Wimmerl, ein Pickel war ein hammerähnliches Werkzeug. In der Börse hatte wir die Marie, aber die Kohle im Keller. Die Polizei wurd als He bezeichnet und bestand aus Kiberern. Bullen gab es nur auf der Weide oder im Stall. Musik nahmen wir auf Bändern oder Kassetten auf und klebten Pflaster auf oder wickelten einen Verband um unsere Wunden. Tapes gabs nur im Englischunterricht. Am heiligen Abend und nicht bereits im November wurden Christ- und nicht Weihnachtsbäume aufgestellt. Das Christkind brachte die Geschenke. Den Weihnachtsmann kannten wir nur aus amerikanischen Filmen bzw. als heiligen Nikolaus, den wir am 6. Dezember feierten. Die Weihnachtmärkte hießen folgerichtig ausschließlich Christkindlmarkt. Halloween war gänzlich unbekannt, dafür wusste ein sehr großer Bevölkerungsanteil was zu Weihnachten bzw. zu Ostern gefeiert wird.
Wir waren mit allen Lehrerinnen und Lehrern per Sie und wurden bestraft, wenn wir respektlos waren. Die Lehrer hatten generell weniger Ahnung von Pädagogik, dafür mehr von ihrem Unterrichtsfach. Zu spät zum Unterricht zu erscheinen war ein schweres Vergehen. Man war allgemein pünktlicher. Es gab ja auch nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten jemanden über seine Verspätung zu informieren. Insgesamt legte man mehr Wert auf Höflichkeit. Auf der Straße wurden der Polizist und auch der Briefträger gegrüßt. Im Rundfunk bemühte man sich eine gepflegte Sprache zu sprechen. Straßeninterviews klangen daher oft sehr lustig.
Wir ernährten uns von Fleisch oder Wurst. Es war sogar ein Kennzeichen für einen hohen Status, wenn man viel Fleisch aß. Gemüse wurde verkocht und geschält oder sonst irgendwie seiner Nährstoffe entledigt, bevor es verspeist wurde. Wir tranken Dicksaft und kohlensäurehaltiges Mineralwasser. Leitungswasser wurde nur getrunken, wenn nichts anderes zur Verfügung stand. Zuhause gab es nur Filterkaffee und in Lokalen ausschließlich Espresso in bei Torberg nachlesbaren Versionen. In öffentlichen Verkehrsmitteln wurde kein Kaffee getrunken, dafür hatte aber niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn man eine Leberkässemmel in Bus oder Bim zu sich nahm. An jedem Eck stand ein Würstelstand. Ganz selten gabs dort Pizza. Kebab, Döner und wie das alles heißt, kannten wir noch nicht. Zu besonderen Anlässen bekamen auch Kinder alkoholische Getränke, ohne dass sich jemand dabei etwas dachte. Der Staat förderte die Ausgabe von Milchprodukten an Schulkinder. Geraucht wurde überall und immer. Selbst in U-Bahnstationen oder im Flugzeug war es erlaubt zu rauchen und das Kind am Arm kein Hindernis. Das Gesundheitsbewusstsein war weit unterentwickelt. Wir erwarteten vom Arzt, dass er jeden Schaden reparieren konnte und hinterfragten in der Öffentlichkeit nie seine Entscheidungen und Anordnungen. In der Medizin galt alles natürliche als ungesund. Natürliche Geburt, Heiltees, Akupunktur, Homöopathie, etc. war etwas für Kurpfuscher. Man entfernte schon beim geringsten Verdacht die Mandeln. Vitamintabletten wurden Obstverzehr vorgezogen. Schwangere und tatsächlich Erkrankte wurden auf Teufel komm raus mit Chemie eingedeckt.
Letzteres galt in vielen Lebensbereichen. Natürliches oder Althergebrachtes war unmodern. Wir kleideten uns in Plastik und Gummi. Farben mussten nicht zusammenpassen. Unsere Frisuren bestanden primär aus Klebstoff. Unsere Wohnhäuser wurden aus Stahlbeton in schauderhaftem Stil und ohne Isolierschicht mit Fenstern bestehend aus nur einem einfachen Glas errichtet. Unsere Möbel waren aus Tropenholz oder Plastik. Spielplätze wurden betoniert. Fürs Ballspielen wurden Käfige um den Betonplatz errichtet. Die Musik war elektronisch generiert und sollte möglichst unnatürlich klingen.
Politisch waren wir ziemlich ambivalent. Kommunismus war böse, aber gegen Sozialismus hatte man nichts einzuwenden. Amerika galt noch als der große Befreier und man verlor kein böses Wort über die Amerikaner, weil man sie als Schutzmacht gegen die Soviets benötigte. Dass in den USA teilweise noch die Rassentrennung galt und Sozialisten verfolgt wurden, wurde geflissentlich verschwiegen bzw. kritiklos hingenommen. Allerdings waren wir als Kinder über die politischen Vorgänge nicht besonders gut informiert. Es gab noch keine Gratiszeitungen und keine Medien, die uns in kleinen Häppchen das wichtigste zwischen durch eingaben. Im Unterricht hielt man sich bei Themen der Tagespolitik und der jüngeren Geschichte nobel zurück. Insgesamt war die Informationsbeschaffung viel schwieriger. Was man nicht wusste musste man erfragen oder nachschlagen. Bekam man zuhause oder in der Schule keine zufriedenstellende Antwort oder war das benötigte Nachschlagewerk nicht vorhanden, musste man in die Bibliothek. Oftmals gab man sich daher mit Halbwahrheiten, Gerüchten oder Legenden zufrieden.
Diese Aufzählung ist lückenhaft, zeigt aber welchen Änderungen unsere Kultur auch in einem relativ kleinen Zeitraum wie den hier betrachteten 25 bis 35 Jahre unterworfen ist. Die Zeit damals war weder besser noch schlechter als die heutige, sie war einfach anders.
Weitaus mehr als durch Zuwanderung wird unsere Kultur durch den technischen Fortschritt, die Erweiterung unseres Wissens, den einfacheren Informationserwerb und die globalisierten Medien geändert. Und viel mehr, als es die Zuwanderer jemals können, haben wir immer schon freiwillig fremde Kulturen kopiert und Teile davon in unsere eigene integriert.
is powered by