Die Österreichische Verkehrsministerin Doris Bures hat vor Kurzem auf die Frage was Österreich zum Thema Energiesparen zu unternehmen gedenke, geantwortet, dass man Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagern wolle. Es würde eine Menge in den Ausbau der Schieneninfrastruktur investiert. Letztere Aussage mag ja prinzipiell stimmen. Aber leider sind die Projekte, in die investiert wird, nur wenig geeignet um einerseits Güter und andererseits Personen auf die Bahn zu bringen. Es zählt nicht der Verkehrswert sondern die Befriedigung der Wünsche der Bauwirtschaft oder wie erklärt sich sonst die geplante Umstellung der Süd- und Nordbahn auf Rechtsverkehr. Außerdem werden in manchen Gegenden Strukturen systematisch zerstört um den Versuch der Verkehrsverlagerung auf die Schiene unmöglich zu machen.
Der Niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll hat Anfang dieses Jahres eine Anzahl an Nebenbahnabschnitten in die Landesverwaltung übernommen um – wie er propagandistisch von sich gab – sie vor den ÖBB zu retten. Im April wurde dann folgerichtig die Ybbstalbahn bis auf ein kleines Stück im Gemeindegebiet von Waidhofen an der Ybbs eingestellt. In Gstadt hat die direkt an der Bahn ansässige Firma Bene vor einiger Zeit ein Grundstück jenseits des Gleiskörpers angekauft um den Betrieb zu vergrößern. Die Eisenbahn musste weg weil weder die Gemeinde noch das Land und mit Recht schon gar nicht die ÖBB eine Verlegung um das Firmengelände herum finanzieren wollten. Das 6km lange Rumpfstück in Waidhofen bleibt bestehen weil sich im Verlauf dieser Strecke ein denkmalgeschütztes Viadukt befindet, dessen Erhaltung wiederum die ÖVP-regierte Gemeinde nicht finanzieren will. Bei weiterer Verwendung als Verkehrsbauwerk muss der Betreiber zahlen. Der Gleiskörper des größten Teils der Ybbstalbahn, also der der Strecke von Gstadt bis Lunz am See, wird abgetragen und in einen Radweg umgestaltet. Der Automatismus nach dem Entfernen einer Bahnstrecke gleich einen Radweg zu versprechen, dürfte aber dem Herrn Pröll einiges an Kopfzerbrechen bescheren. Die Ybbstalbahn ist eine eingleisige Schmalspurbahn mit einer Spurweite von 760mm. Das heißt, dass das Planum also sozusagen der Unterbau teilweise unter einem Meter breit ist. Für einen in beide Richtungen befahrbaren Radweg benötigt man aber mindestens zwei Meter. Da also wahrscheinlich sogar Grund angekauft werden muss, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit eine Sanierung bzw. Modernisierung der bestehenden Bahnstrecke billiger gewesen. Anscheinend kann man auch auf den Tourismus verzichten, den man bei einer Wiedereröffnung der Bergstrecke nach Gaming anziehen hätte können, denn außer dem SPÖ-Bürgermeister von Hollenstein haben alle Gemeindevorstände der Vernichtung der Bahn zugestimmt.
Mit Fahrplanwechsel im Dezember 2010 wird der Personenverkehr des Restes der Thayatalbahn zwischen Zwettl und Waidhofen an der Thaya eingestellt. Die Bahnstrecke von Schwarzenau bis zur Grenze nächst Fratres wird auch gleich abgetragen und in einen Radweg umgebaut, obwohl auf der Homepage der NÖVOG noch bis vor drei Wochen vom Lückenschluss zwischen Fratres und Slavonice (Zlabings) die Rede ist. Die tschechische Republik ist derzeit dabei Ihren Teil dieser Bahnstrecke zu sanieren. Pröll hat verkündet, dass man sich mit dem Radweg die Trasse für eine zukünftige Wiederrichtung freihalten will.
Der Erhalt der Mariazellerbahn ist noch nicht geklärt. Da aber das letzte Stück der Strecke in der Steiermark liegt und die Steiermärkische Landesregierung kein Interesse an einem entsprechenden Finanzierungsbeitrag zeigt, wird allgemein angenommen, dass nur der im Pielachtal gelegene Abschnitt für den Regelbetrieb erhalten bleibt. Der Bergabschnitt zwischen Laubenbachmühle und Mariazell wird dann nur mehr im Museumsbetrieb befahren.
Auf all den anderen Bahnstrecken, die Kaiser Erwin gerettet hat, mit Ausnahme der schon vor Jahren de facto privatisierten Schneebergzahnradbahn, wird zukünftig bestenfalls Museums- oder Fahrraddraisinenverkehr angeboten. Die Information, was er da besser macht als die ÖBB, ist er uns noch schuldig. Freilich werden ja gerade zahlreiche neue leistungsfähige Straßenverbindungen namentlich ins Waldviertel gebaut, die selbstverständlich dann mit Bussen befahren werden… alle zwei Stunden… zwischen 6 und 18 Uhr… Montag bis Freitag… außer an Feiertagen. Am Wochenende ist das sowieso strukturschwache Waldviertel abseits der Franz Josefs-Bahn ohne Auto nicht mehr erreichbar. Dasselbe gilt natürlich auch für die Teile Niederösterreichs, die nicht an einer Bahnstrecke liegen und/oder die regionalen Körperschaften sich nicht selbst den Verkehr finanzieren. Der Nahverkehrsbeitrag an die ÖBB wird natürlich auch reduziert, was zur Folge hat, dass der Bahnverkehr im Triestingtal (die Strecke wurde erst vor wenigen Jahren modernisiert), zwischen Wiener Neustadt und Puchberg am Schneeberg (Zulaufstrecke zur Schneebergzahnradbahn) und auf der inneren Aspangbahn wahrscheinlich bald nicht mehr existieren wird.
Aber selbst entlang der Hauptstrecken ist eine Versorgung mit brauchbarem Nahverkehr nicht mehr sicher. Die Westbahn wird ja “nahverkehrsgerecht” viergleisig ausgebaut. Das hat zur Folge, dass z. B. die Haltestellen Schildberg, Neumarkt an der Ybbs-Karlsbach und Hubertendorf aufgelassen wurden oder demnächst werden (die beiden ersten liegen mitten in einer Siedlung). Und das ist erst der Anfang. Im vergangenen Jahr wurde diskutiert, die Bedienung der im Nahbereich Wiens an der Westbahn liegenden Orte Rekawinkel, Eichgraben und Unteroberndorf auf Bus umzustellen.
Natürlich könnte man argumentieren, dass ein Bus billiger in Anschaffung und Erhaltung ist, dass man damit näher ans Ortszentrum kommt und dass er mögliche Verkehrsbehinderungen umfahren kann, er also in dünn besiedelten Gegenden die bessere Alternative ist und deshalb unsere Politiker von Bahn auf Bus umstellen wollen. Billiger mag der Bus sein, aber Onkel Erwins neue Buslinien führen in kaum ein Ortszentrum sondern bleiben schön auf den oben zitierten Bundesstraßen und haben dort auch nur genau eine Haltestelle pro Ort (in Ottenstein habe ich kürzlich 20 Minuten nach der einen vorhandenen Busstation gesucht, die natürlich weitab jeder touristischen Einrichtung liegt). Nachdem diese Straßen die Orte umfahren, ist der Fußweg zur Busstation im allgemeinen länger als oder gleich lang wie bisher zur Bahnstation. Ein Teil der Linien, die in Horn enden, enden nicht vielleicht am Bahnhof sondern am Hauptplatz ca. 15 Minuten von der Bahn entfernt. Brauchbare Anschlüsse zum Zug gibts nicht. Überlandbusse fahren ausnahmslos mit fossilen Brennstoffen, erreichen einen Wirkungsgrad von im besten Fall 40% und müssen verkehrsabhängig oft die Geschwindigkeit ändern, sind also Energieverschwender. Im Bus kann man wegen der Erschütterungen schlecht lesen, an einem Notebook arbeiten ist ganz unmöglich weils eben wackelt wie nur und weil schlicht kein Platz dafür ist. Im Bus gibts kein Klo und kaum Platz für Gepäck. Überlandbusse sind nicht barrierefrei zu gestalten und die Fahrkarten sind hierzulande teurer als Bahnkarten für dieselbe Strecke. Ergo vergeht erfahrungsgemäß zuerst den Gelegenheitsreisenden und bald danach den Pendlern die Lust auf Benützung des öffentlichen Verkehr, was zu Verlängerung des Intervalls führt. Damit werden dann bis auf die Schüler alle anderen Reisenden vertrieben und man kann den Verkehr auf ein für die Schüler unbedingt notwendiges Maß reduzieren und ihn aus dem für Familien gedachten Budgettopf finanzieren. Man kann also die fehlende Nachfrage als Ausrede für die de facto Einstellung des öffentlichen Verkehrs benützen, die man sowieso anstrebt.
Natürlich ist das nicht ein Spezifikum Niederösterreichs, aber dort betreibt man es besonders verlogen. Wollte man wirklich einen guten öffentlichen Verkehr, wie Onkel Erwin ja nicht müde wird zu behaupten, dann hätte man nur einen ordentlichen und ausreichend dotierten Verkehrsdienstevertrag mit den Verkehrsunternehmen allen voran die ÖBB abschließen müssen, wie es z. B. im Burgenland geschehen ist. Aber politisch ist es viel günstiger den “roten Bundesbahnen” zu wenig Geld zu geben, sie dann zu beschimpfen, unmittelbar vor der Wahl sich als Retter aufzuspielen und dann nach der Wahl zuzusperren. Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Mineralölsteuer erhöht und diese Mittel den Ländern für die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehr gegeben. Erwin Pröll hat damit Güterwege asphaltiert. Das kann man primär im Waldviertel heute wunderbar besichtigen. Es gibt kaum mehr einen Feldweg, der nicht asphaltiert ist.
Der Herr Landeshauptmann will nach den Bahnstrecken jetzt auch das Bildungswesen seines Landes retten…