Gestern hat, wie jedes Jahr, der Vienna City Marathon statt gefunden. Eine Begleiterscheinung dieser immer wieder beeindruckenden Veranstaltung sind die zahlreichen Straßensperren. Das bedeutet natürlich auch, dass einige Linien des öffentlichen Verkehrs nicht in der gewohnten Form geführt werden können. Niemand wird ernsthaft dem Betreiber unseres Verkehrsnetzes der Wiener Linien GmbH und Co KG deshalb böse sein. Ich nehme aber diese Veranstaltung zum Anlass ein bisschen über den mangelhaften Kundendienst bei genanntem Unternehmen herzuziehen.
Vorausschicken möchte ich, dass die Wiener Linien ihre Arbeit an sich nicht so schlecht machen, wie es in der Öffentlichkeit oft aussieht. Wir haben in Wien eines der größten und vor allem dichtesten öffentlichen Verkehrsnetze der Welt, das in einem vergleichsweise dichten Takt bedient wird. Im Prinzip ist beinahe jedes Winkerl dieser flächenmäßig recht großen Stadt ohne bedeutende Fußwege ganztägig mit erträglichen Wartezeiten erreichbar. Die gut untereinander vernetzten Nachtlinien verbinden täglich während der gesamten Nacht im Halbstundentakt alle Stadtteile gut. Das alles schaffen die Wiener Linien trotz einer Stadtregierung, die entgegen der allgemeinen Meinung und entgegen der Eigenwerbung, so gar nichts für den öffentlichen Verkehr über hat. Ampeln werden in Wien grundsätzlich nicht vom öffentlichen Verkehr beeinflusst, sondern zwängen die Linien in ein Fahrplankorsett, das Fahrzeitverkürzungen und Aufholen von Verspätungen unmöglich macht. U-Bahn-Strecken werden nicht nach dem Bedarf der Fahrgäste bzw. der vorhandenen Bevölkerungsdichte gebaut, sondern nach den Wünschen der Bauindustrie. Die Wiener Linien müssen dort dann den Betrieb führen, obwohl Kosten und zu erzielende Gewinne weit auseinander klaffen, ohne dass die Stadt das dadurch entstehende Defizit ausreichend abgilt. Das sind nur zwei Beispiele, warum es das städtische Verkehrsunternehmen schwer hat. Man sollte also auch hier, wie bei grundsätzlich jeder Kritik, das ganze System betrachten und nicht jemandem Schwächen vorhalten, die er nicht selbst verursacht hat.
Ein Thema das aber ganz allein in der Verantwortung der Wiener Linien liegt, ist die Versorgung der Fahrgäste mit Informationen. Zum Beispiel wurden bezüglich des oben genannten Vienna City Marathons zwei unterschiedliche Arten von Plakaten an den Stationen angebracht. An den Haltestellen der Buslinien fand man ausschließlich die Änderungen am Busnetz und den lapidaren Hinweis, dass auch Straßenbahnlinien betroffen sein werden. Um aber letztere Information zu bekommen, musste man sich zu einer Straßenbahnstation begeben. Wie bei einem Geländespiel für Erwachsene, muss man sich die Auskunft aus mehreren Schnipseln zusammensetzen. Welche Strategie dahinter steckt, entzieht sich meiner Kenntnis und sprengt die Grenzen meiner Fantasie. Gibt es etwa Fahrgäste, die ausschließlich mit der Straßenbahn fahren und andere, die nur den Bus benützen? Hat man Angst, die Kunden zu überfordern, wenn man zuviel Information auf einmal weitergibt? Keine Ahnung.
Allerdings leben wir ja im 21. Jahrhundert, das Internet ist bereits erfunden und wurde auch von den kommunalen Betrieben unserer Stadt entdeckt. Im Newsbereich der Homepage der Wiener Linien findet man sprachlich originell (Linie X: ab ca. 08:45: fährt nur von Y nach Z) aber zumindest verständlich, in kompakter Form alle Änderungen aller Linien. Leider finden sich aber hier bereits konzeptionelle Schwächen. Statt den Namen der jeweiligen abweichenden Endstationen findet man irgendwelche Straßenbezeichnungen. Wer nicht ortskundig ist, wird mit der Angabe, dass zum Beispiel die Linie 2 nur bis Stadiongasse/Reichsratsstraße fährt, nichts anfangen können, abgesehen davon, dass es schlicht nicht richtig ist. Der 2er kann weder in der Stadiongasse noch in der Reichsratsstraße wenden und der Fahrgast kann in den genannten Straßen auch nicht aussteigen. Er wendete tatsächlich in der Station Dr. Karl Renner-Ring. Und nur diese Information ist für den Fahrgast interessant, denn nur von dort wird er Anschlüsse finden können. Ich hatte vor einiger Zeit einen Disput mit einem Bediensteten der Wiener Linien, der mich aus einem laut Aufschrift und Durchsagen über den Zimmermannplatz kurzzuführenden 43er schon in der Station Alserstraße hinauswarf. Auf die Frage, warum Zimmermannplatz draufsteht, wenn dann nur Alserstraße drin ist, bekam ich die Antwort, dass so eben die Schleife heiße, in der die Garnitur wenden würde. Auf meinen Einwand, dass diese Information aber irrelevant sei, bekam ich keine bzw. eine recht freche Antwort. Offensichtlich wird generell nicht verstanden, welche Informtionen für die Fahrgäste wichtig sind.
Eine weitere Möglichkeit, eine Route zu seinem geplanten Ziel zu bekommen, sind die zahlreich angebotenen elektronischen Fahrplanauskunftssysteme. Ich persönlich benütze aus diversen Gründen das der ÖBB. Versuchsweise habe ich gestern Vormittag eine Fahrt vom Dr. Karl Renner-Ring zur Weihburggasse um ca. 9:30 Uhr abgefragt. Wie erwartet, wollte mir das System weismachen, dass ich einfach mit dem 2er fahren könne. Leider war das zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Sperre des Rings nicht mehr möglich. Die elektronische Fahrplanauskunft der Wiener Linien lieferte mir dieselbe falsche Information. Klar, das Datenmaterial wird ja von derselben Quelle stammen. Warum schafft man bis heute nicht, lange vorher bekannte Änderungen an den Linienrouten in diese Systeme einzuarbeiten. Der Vienna City Marathon wurde nicht erst vergangene Woche geplant und hat uns nicht völlig unerwartet getroffen. Der Termin des nächsten (17. April 2011) ist bereits heute bekannt und von der entsprechenden Homepage abzurufen. Es kann also echt kein Problem sein, sowas in die Auskunftssysteme einzubauen. Man muss es nur wollen.
Es gibt noch eine weitere Ebene der elektronischen Fahrplanauskunft: die webbasierte Echtzeitabfrage. Bei den Wiener Linien heißt das ganze i.tip und funktioniert auch im Allgemeinen recht gut. Leider nur im Allgemeinen. Während dem System die zweigeteilte Führung der Linie 13A bekannt war und es folgerichtig für die Station Neubaugasse keine Abfahrten anzeigte, gab es in der Station Kärnter Ring – Oper fast alle zehn Minuten Phantomzüge der Linie D. Sie näherten sich völlig unsicht- und unhörbar der Station, erreichten diese absolut pünktlich und fuhren ebenso pünktlich weiter, allerdings nur auf dem Papier, bzw. Display meines Rechners. Wenns beim 13A geht, muss es doch auch beim D-Wagen funktionieren. Ganz offensichtlich ist bei diesem in meiner Vorstellung eigentlich völlig selbsttätig arbeitenden System viel Handarbeit nötig. Denn anscheinend muss da jemand melden, dass es in bestimmten Haltestellen keinen Verkehr gibt, sonst glaubt das System, den Kontakt zu allen Fahrzeugen verloren zu haben und zeigt einfach irgendwas an. Wobei es in so einem Fall ja eigentlich die fahrplanmäßige Abfahrtszeit und keine Zeitspanne bis zur nächsten Abfahrt anzeigen sollte. Zu kompliziert? Anscheinend auch für denjenigen, der das System warten soll.
Zu meinem Lieblingsthema: die Abfahrtsanzeigen an den Stationen. Abgesehen davon, dass die Wiener Linien seit mittlerweile weit über einem Jahrzehnt diese Anzeigen installieren und bis heute noch immer nicht alle Haltestellen über so etwas verfügen, funtionieren sie auch nach wie vor nicht richtig und der Informationsgehalt ist meist wenig bis gar nicht brauchbar. Die größte Schwäche dieser Anzeigen ist ihre nicht vorhandene Flexibilität. Ein solcher Kasten kann nur Informationen zu EINEM Bus/Straßenbahnzug anzeigen. Will man aber die Abfahrtszeit des nächsten und übernächsten Kurses ausgeben, geht das nur hintereinander und nicht gleichzeitig. Konzeptbedingt sind Lauftexte nicht oder nur sehr schlecht möglich, die maximale Anzahl der darstellbaren Zeichen ist aber schon für die Bezeichnung mancher Endstationen zu klein, für sinnvolle Texte gar nicht zu gebrauchen. Außerdem ist die Software noch nicht ausgereift und arbeitet stur nach einem Schema, das seltsame Dinge hervorbringt. Bleibt ein Fahrzeug aus unbekanntem Grund irgendwo auf der Strecke länger stehen, dann zeigt die Anzeige alternierend zur normalen Abfahrtsanzeige “Stau in Zufahrt” völlig egal, was der wirkliche Grund ist, an. Zuletzt hab ich das in der Station Ottakring der Linie 46 stadteinwärts spät abends gesehen. Auf der Maroltinger- bzw. Thaliastraße vor dieser Station gibt es auch während der Hauptverkehrszeiten niemals einen Stau und schon gar nicht um halb zwölf nachts. Der durchschnittliche Fahrgast fühlt sich bei so einer Anzeige verar… auf den Arm genommen. In Innsbruck kann man auf den viel flexibleren Punktmatrixanzeigen immer den wahren Grund der Verzögerung ablesen, z. B. Falschparker in der XY-Straße. Fahrzeuge der Wiener Linien haben immer nur einen “Stau in der Zufahrt”. Wird eine Strecke von einer anderen Linie bei Einziehfahrten befahren, wie es z. B. bei Fahrzeugen der Linie 1 auf der Strecke der Linie 43 der Fall ist, kann man dieses Ereignis schon 45 Minuten vorher lesen. Da wechselt dann die Anzeige ständig zwischen “43 Neuwaldegg” in z. B. “5″ Minuten und “1 Hernals Wattgasse” in z. B. “39″ Minuten. Nachdem die Station Wattgasse auf derselben Strecke liegt, interessiert diese Information genau niemanden und hindert nur den Fahrgast am Erwerb der richtigen Information. Oder es wird der erste Nachtbus, der z. B. in 32 Minuten fährt schon lange vor der letzten Straßenbahn, die z. B. in 2 Minuten fährt, angezeigt. Wenn man das sieht und nicht lange genug wartet, bis die Anzeige wieder wechselt, glaubt man die Straßenbahn versäumt zu haben, ärgert sich und geht wahrscheinlich zu Fuß um dann nach kurzer Zeit von der Bim überholt zu werden. Seit einiger Zeit wird überdies der Betriebsschluss einer Linie nicht mehr angezeigt. Stattdessen steht dann nur “Bitte Fahrplanaushang beachten” dort. Das wird allerdings auch bei einer Störungen der Anzeige ausgeworfen.
Wer derartige Anzeigen schon in anderen Städten gesehen hat, kann sich nur über Wien wundern. Beinahe überall sonst sind diese Anzeigen mehrzeilig und können Lauftexte schnell genug darstellen, sodass sie auch gelesen werden. In Innsbruck sieht man die nächsten vier bis sechs Abfahrten und bekommt noch sonstige Hinweise, wie veranstaltungsbedingte Sperren ganz anderer Linien, etc. Wenn der 13A wieder einmal ewig nicht ankommt und dann natürlich gleich überfüllt ist, wäre es doch sinnvoll zu wissen, ob der nächste nicht eh schon kommt. Das würde die Verspätung des ersten Busses limitieren und den zweiten sinnvoll auslasten.
In Linz bekommt man auf Knopfdruck den Inhalt der Anzeige vorgelesen, was für Sehbehinderte ein ganz entscheidender Vorteil ist.
Gibt es in Wien eine Störung, dann wird das im Allgemeinen über Lautsprecher, mit denen viele Stationen ausgestattet sind, durchgesagt. Wenn man Glück, ein besonders gutes Gehör und viel Fantasie hat, kann man auch verstehen oder sich zumindest zusammenreimen, was da aus den Flüstertüten kommt. Denn die Digitaltechnik hat hier noch keinen Einzug gehalten. Unsere Haltestellen werden nach wie vor analog angefunkt. Demenstprechend verrauscht und meist viel zu leise, um den Autoverkehr zu übertönen, sind diese Ansagen. Selbiges gilt auch für entsprechende Durchsagen in den Fahrzeugen.
Selbstverständlich ist man bei den Wiener Linien auch noch nicht dahintergekommen, dass man sich nicht für das Verständnis der Fahrgäste bei Störungen oder sonstigen Behinderungen bedankt, sondern dafür um Entschuldigung bittet. Auch die Bitte um Verständnis ist nicht sehr sinnvoll. Das Verkehrsunternehmen hat nichts vom Verständnis des Fahrgastes, sondern sollte hoffen, dass die Kunden Mängel, auch wenn sie nicht hausgemacht sind, entschuldigen. Wenn auch noch Verständnis aufgebracht wird, ist das ein zusätzlicher Bonus, der aber auf keinen Fall erwartet werden darf. Ich würde mich so freuen, wenn einmal am Ende einer Durchsage ein “wir bitten die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen” kommen würde. Zudem hat sich in den letzten Monaten die Unsitte breit gemacht, Verhaltenshinweise an die Fahrgäste in den Fahrzeugen durchzusagen. Zu Beginn der Durchsage heißt es immer, dass die Wiener Linien wollen, dass ich mich wohler fühle und dann kommt die Anweisung, dass ich nicht Essen, die Musik nicht zu laut aufdrehen, meinen Müll nicht liegenlassen und was weiß ich alles soll. Na klar wäre es schön und ist es absolut wünschenswert, wenn sich alle Fahrgäste an die basalen Benimmregeln hielten. Aber bitte liebe Wiener Linien, kehrt zuerst vor der eigenen Tür. Niemals höre ich irgendetwas, was die Wiener Linien dafür tun wollen, damit ich mich wohler fühle. Wie wäre es, wenn einmal der Busfahrer, wie es bei privaten Betreibern schon lange üblich ist, während der Ausgleichszeit an der Endstation mit dem Besen durchs Fahrzeug marschiert oder die liegengelassenen Gratiszeitungen aufsammelt. Oder wie wäre es, wenn man in den Fahrzeugen Papierkörbe anbringt, wie es in Graz der Fall ist, sodass ich mich schnell der Zeitung meines Sitzplatzvorgängers entledigen kann.
Und wie wäre es, liebe Wiener Linien, wenn einmal dafür gesorgt würde, dass sich das eigene Personal an die Vorschriften hält? Tagtäglich unterfahren Fahrerinnen und Fahrer den Fahrplan und fahren im Abend-, Frühmorgen- und Nachtverkehr zu früh. Ich hab schon Verfrühungen um bis zu sechs Minuten im 15-Minutentakt erlebt. Kurze Anschlusszeiten von anderen Verkehrsmitteln sind dann dahin und aus drei Minuten werden 18 Minuten Umsteigzeit. Die Nachtbusse sind größtenteils wirklich gut miteinander vernetzt, aber wenn einer zu früh abfährt, hilft das garnichts. Und es gibt keine Ausreden dafür. In jedem Fahrzeug befindet sich ein Display, von dem der Fahrer jederzeit ablesen kann, ob er zu spät oder zu früh unterwegs ist. Außerdem werden die Fahrdaten der Züge und Busse protokolliert. Die könnten ja vollautomatisch ausgewertet werden und man könnte ein Prämiensystem einführen, das pünktliches Personal belohnt und notorische Zufrühfahrer bestraft. Leider gibts das nicht und so muss man weiterhin um seine Anschlüsse bangen. Von der Fahrgastvertretung, von privaten Newgroups, etc. werden seit Jahren Listen mit Verfrühungen geführt und regelmäßig an die Führung der Wiener Linien übergeben. Ein Erfolg ist nicht wahrzunehmen.
Besonders nett ist auch folgende Angewohnheit. Nähert sich ein Zug oder ein Bus einer Haltestelle in der sich bereits ein Zug oder Bus einer anderen Linie befindet, fährt man besonders langsam in die Station ein oder bleibt gar einige Meter dahinter stehen, sodass dem Kollegen vorne die Gelegenheit gegeben wird, wegzufahren, ohne von den lästigen Umsteigern aufgehalten zu werden. Das wird tatsächlich so praktiziert und ist auf eine Vereinbarung unter den Fahrerinnen und Fahrern der Wiener Linien zurückzuführen. Ich hab das jahrelang in der Station Rosensteingasse genossen und immer voll Freude meinem 9er nachgewunken.
Also um das alles auf einen Punkt zu bringen. Nicht alle Unzulänglichkeiten im öffentlichen Verkehr in Wien sind auf Verfehlungen oder Unterlassungen der Wiener Linien zurückzuführen. Ich werde in einem späteren Artikel auf die diesbezüglichen Versäumnisse und Fehler der Stadtregierung eingehen. Aber vieles verschuldet der Betreiber unserer öffentlichen Verkehrsmittel ganz allein und es wäre echt nicht schwierig, die hier aufgezählten Missstände aufzulösen. Man müsste einfach nur wollen.