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“Waren Sie schon auf dem Jakobsweg?” – Von Menschen in Schachteln


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Teil der Gersthofer Fußwallfahrer auf dem Weg nach MariazellIch wallfahre. Seit 27 Jahren gehe ich einmal im Jahr mit einer Gruppe meiner Heimatpfarre zu fuß von Wien nach Mariazell. Obwohl die Teilnehmer in den Jahren teilweise gewechselt haben und wir auch den Weg immer wieder modifiziert haben, ist es im Prinzip noch immer dieselbe Gruppe, die sich da immer zur selben Zeit auf denselben Weg macht. 1983 hat mich mein Vater auf diese Wallfahrt mitgenommen, heute organisiere ich das Ganze mit. Und es macht mir nach wie vor Freude. Beinahe jedesmal, wenn jemand hinter diese Tatsache kommt, stellt mir derjenige die Frage, ob ich schon einmal nach Santiago de Compostella gegangen bin, oder ob ich vorhätte das zu tun. Warum sollte ich? Ganze Heerscharen von Pilgern wandern teilweise durch nordspanische Industriegebiete… nicht sehr attraktiv.

Ich trinke Tee. Bin ich im Dienst, dann trinke ich am Nachmittag so ca. ab 14 Uhr so ca. einen Liter grünen Tee. Dieser Tee hält mich wach, schmeckt gut und fühlt sich im Magen sehr angenehm an. Ich kaufe immer einen im normalen Lebensmittelhandel erhältlichen unaromatisierten in Teebeutel abgepackten Tee immer derselben Marke, weil ich mich an dieses Produkt gewöhnt habe und mir das Hantieren mit Teeei oder ähnlichen Vorrichtungen, die dann auch noch abgewaschen werden müssen, zu mühsam ist. In regelmäßigen Abständen bekomme ich irgendwelche Spezialtees geschenkt und werde in langweilige Gespräche über die antioxidative Wirkung des grünen oder weißen Tees verwickelt.

Ich beschäftige mich mit der Eisenbahn. Ich lese gern aktuelle Eisenbahnliteratur, ich fahre gern mit der Bahn und ich verbringe beinahe jeden freien Tag in der warmen Jahreszeit bei Schönwetter an der Bahn, um selbige zu fotografieren. Ich kann nicht einmal genau erklären, warum ich die Eisenbahn mag. Es ist einfach mein Hobby. Aber ich bin kein Fan von Dampflokomotiven, alten Diesel- oder E-Loks, von Schienenbussen, etc. Ich nehme in Kauf, dass ich genannte Fahrzeuge brauche, um Strecken befahren zu können, auf denen es heute keinen planmäßiger Personenverkehr mehr gibt, beteilige mich aber dabei nicht an den Fotoorgien, die bei jedem Aufenthalt stattfinden. Und es ist ein echter Graus, 50 Personen zu beobachten, wie sie sich auf Befehl in der Landschaft aufreihen und alle dasselbe Foto machen. Dennoch besitze ich geschenkter Weise die ganze Palette schlechter Eisenbahnliteratur, bei der ein Buch dem anderen durch die immer gleichen Fotos monströser amerikanischer Dampflokomotiven gleicht und werde ständig über irgendwelche Dampfloksichtungen informiert.

Warum muss jemand, der nach Mariazell geht, auch planen zum heiligen Jakob zu gehen? Warum muss jemand, der regelmäßig Tee trinkt, das entweder aus wohldurchdachtem medizinischen Grund tun, oder ein Teefanatiker sein. Warum muss jeder, der die Eisenbahn mag, jeder Dampflok nachjagen? Warum muss sich jemand, der Norwegen regelmäßig bereist, auch mit Schweden und Finnland auseinandersetzen?

Leute neigen dazu, andere in Schachteln zu packen. Gibts keine vorgefertigte Schachtel, dann kommt man halt in die am ehesten passende. Aber beweist das nicht einen Mangel an Interesse bei gleichzeitiger Vorspiegelung desselben? Mir scheint, dass diese Einschachtelei nur daher kommt, dass man gar nicht näher über das Gegenüber nachdenken, sich nicht mit der anderen Person auseinandersetzen will, aber trotzdem den Drang verspürt, Interesse zu heucheln. Ich halte das für ziemlich entbehrlich. Sollen sie doch über ein Thema mit mir reden, das sie selbst interessiert. Ich käme nie auf die Idee jemanden auf ein für mich völlig uninteressantes Thema anzusprechen, nur weil ich glaube ihm damit eine Freude zu machen. Er entlarvt mich doch sowieso innerhalb von Sekunden. Wenn sich jemand wirklich für mich interessiert, dann wird er ein Thema kennen, das uns beide interessiert oder er wird mir soweit zuhören, dass er eben dann nicht fragen wird: „Waren Sie schon auf dem Jakobsweg?“.

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Ein Kommentar zu ““Waren Sie schon auf dem Jakobsweg?” – Von Menschen in Schachteln”

  1. Hohlkörper sagt:

    Soeben war jemand bei mir im Sekretariat, der mir vor ca. einem Monat ein Packerl weißen Tee geschenkt hat. Er hat mich gefragt, wie groß ich den Unterschied zwischen weißem und grünem Tee empfände und hat nicht bemerkt, dass der weiße Tee von ihm unberührt neben der Schachtel grünen Tees liegt. Um das Gespräch möglichst schnell zu beenden, meinte ich, dass ich keine Unterschied bemerkte. Daraufhin faselte er irgendwas von man müsse das geistig visualisieren. Ja, ja… Ich werde jetzt das Teepackerl irgendwohin legen, wo es visuell nicht mehr wahrgenommen werden kann.

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Dansette